Hallo liebe Freunde, Familie und Bekannte,
endlich habe ich mir Zeit genommen um einen ausführlichen ersten Bericht zu verfassen. Mit einigen habe ich bereits geschrieben, doch andere haben von mir weder etwas gegört noch gelesen. Ich bitte deshalb um Entschuldugung, falls ich mich wiederholen sollte. Kaum zu glauben doch ich bin in Mexiko und das sober seit mehr als zwei Monaten. Es waren zwei Monate voller neuer Eindrücke, Begegnungen und Kontakte. Ich muss ehrlich zugeben, dass die Zeit schnell vergangen ist, viellecht auch deshalb fühle ich mich so, als wäre ich hier schon seit Ewigkeiten. Einiges ist mir noch fremd, doch vieles habe ich schon von der Stadt gesehen und viele Sachen sind mir bereits vertraut.
Mir der Sprache habe ich keine großen Schwierigkeiten. Sechs Jahre Spanischunterrich habe sich doch gelohnt. Sicherlich fällt es mir schwer lange auf Spanisch zu reden, aber im Grossen und Ganzen, kann ich alles sagen was ich will.
Mit dem Verstehen habe ich so gut wie keine Probleme. Ich merke aber, wie sich mein Gehirn langsamm auf den Spanisch-Modus umzuschalten bemüht.
Als ich zusammen mit anderen Freiwilligen aus Deutschland in Mexixo City angekommen bin, wurden wir auf bereits am Flughafen von zwei netten Vertretern der Organisation erwartet (die Pratnerorganisation heisst hier SIIJUVE). Die meisten Deutschen wurden gleich vom Flughafen mit den Bussen in andere Städte geschickt. Nur ich nicht :-) ich blieb noch lange auf dem Flughafen und wartete mit den Siijuve-Mitarbeitern auf jene Freiwillige, die noch am selben Abend nachkamen.
Nach und nach kamen deren Flieger, wir nahmen sie in Empfang. Dabei hielten mich die angekommenden Freiwilligen für einen Mexikaner :-)
Am späten Abend habe ich schließlich erfahren, dass ich leider noch nicht meine eigenen vier Wände beziehen konnte sondern, dass ich übergangsweise bei Andrés (einem SIIJUVE-Mitarbeiter) unterkommen sollte. Zwei Tage verbrachte ich zusammen mit einem Japaner bei Andrés und seiner Mutter. Wir nutzten diese 2 Tage, um uns die ersten Eindrücke von der Stadt zu verschaffen. Wir nahmen die U-Bahn und erkundeten die Stadt. Meine ersten Eindrücke waren leider alles andere als positiv. Nach den zwei Tagen trafen sich alle Freiwilligen in einer Kleinstadt in der Naehe von Mexico City zu einem Einweisungsseminar. Es war eine schöne Woche, in der man sich mit Leuten austauschen und sich langsamm an Mexiko gewöhnen konnte.
Nach diesem Camp kam ich endlich in meinem kleinen Reihenhäuschen an. Zu erst war ich etwas erschrocken über die Gegend, die Starße und das Haus, das mein Domizil werden sollte. Doch nach und nach gewöhnte ich mich an die "mexikanischen Zustände".Und nach dem ich auch andere Gegenden der Stadt gesehen habe, bin ich sogar glücklich hier in Popotla zu wohnen :-). Tagelang habe ich mein Haeuschen geputzt und desenfiziert. Dabei konnte ich eine Beziehung zu dem Haus aufbauen. Jetzt fühle ich mich in meinem Häuchen pudelwohl. Drei Häuser weiter wohnen zwei andere Freiwillige. Gunni ist Deutsche und war bereits mit mir auf dem Vorbereitungscamp. Anna wohnt schon seit längerer Zeit in Mexico City und kennt die mexikanischen Eigenheiten sehr gut. Sie gab sich große Mühe, um uns alles näherzubringen, denn der mexikanische Alltag hat seine Tücken.
Die Menschen in Mexico City sind nicht viel anders als in europäischen Großstädten. Hier lebt man ebenso „anonym“. Ich hatte, bevor ich nach Mexiko flog, beinah Angst vor dieser riesigen Stadt, doch die Bedenken waren umsonst. Sicherlich ist die Stadt groß, doch von dem gewaltigen Ausmaß bekommt man im Alltag nichts mit. In Mexico City gibt es ein gutes U-Bahnnetz, sodass man bequem und schnell in viele Teile der Stadt hinkommt. Von Popotla bis zur Innenstadt sind es weniger als 20 Minuten mit der U-Bahn (sogar ohne Umsteigen). Es gibt natürlich viele Stadtteile, die man mit der U-Bahn nicht erreicht, dafür gibt es unzählige Busse. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Mexiko Stadt sind wirklich günstig. Ein Ticket mit der U-Bahn kostet nur 2 Pesos (ca. 0,14€) für die Busse bezahlt man etwas mehr.
Der Verkehr auf den Straßen ist hier so, wie man sich ihn in Deutschland vorstellt. Er ist einfach eine Katastrophe. Es gibt in Mexiko tatsächlich eine Regel, die besagt, dass man alles dafür tun sollte, dass der Straßenverkehr fließt. Fußgänger interessieren keinen! So gibt es hier an jeder großen Ampel auch einen Polizisten, der den Verkehr regelt bzw. der die Grünphasen der Fußgänger verkürzt. All zu viele Straßenverkehrsregeln gibt’s hier nicht, "jeder hat Vorfahrt" ist hier die gängigste. Bei der Masse an Fahrzeugen auf den Straßen ist das wirklich nur ein Chaos. Man braucht sich nicht wundern, warum die Mexikaner schlecht fahren, denn um einen Führerschein zu bekommen benötigt man nur 300 Pesos (20 Euro) und ganze 5 Fahrstunden. Ach ja und das Fahren im alkoholisierten Zustand ist hier auch keine Straftat, sondern nur ein Nebenverdienst der „ehrlichen“ Polizisten.
Nirgendwo in Europa habe ich weder so viel Polizisten noch solche Gewehre gesehen. Es kam schon vor, dass mir Polizisten in einer relativ ruhigen Gegend begegnet sind, die riesige Knarren mit sich führten. Also solche Situationen machen mir hier wirklich Angst. Ich fühle mich auf den Straßen mittlerweile nicht anders als zu Hause, doch wenn ich das sehe, wird mir bewusst, dass es hier doch etwas anders zugeht.
Ich habe mir Mexiko Stadt anders vorgestellt, ich kann nicht sagen wie genau, aber irgendwie anders. Es gibt hier wirklich schöne Flecken, doch der Großteil der Stadt ist nach meinem Empfinden nicht besonders schön.
Man sagt, dass Mexiko alles zu bieten hat, von extrem reich bis extrem arm. Davon bekomme ich im Alltag wiederum nichts mit. Ich sehe zwar Armut, doch nicht den extremen Reichtum. Das ist wieder so eine typisch mexikanische Eigenheit. Die Gesellschaft ist hier stark aufgeteilt. Die Armen sieht man entweder auf der Straße bettelnd oder in ihren Elendsvierteln, die Reichen kriegt man gar nicht zu Gesicht, weil sie sich in ihren Hightsociety-Kreisen bewegen.
Die Preise sind hier nicht viel anders als in Europa, (vieles ist billiger vor allem Lebensmittel), doch anderes ist gleich oder teurer. Ein Beispiel: Die Mexikaner sind, wie wir alle wissen, nicht das Völkchen, dass sich gesund ernährt. Fettig, übersüßt und viel - so mögen sie es. Darum sind hier solche Produkte billig. Jene, die gesünder sind, sind dementsprechend teuer. Beim letzten Einkauf vor 2 Tagen, bin ich vor Entsetzten beinah geplatzt. Ein Liter Milch kostete 12 Pesos, 3 Liter Coca Cola nur 16 Pesos. Nun Frage ich mich, wo die Logik ist, ich glaube ich werde es nicht begreifen.
Ich denke, dass das Essen ein Highlight der mekinakischen Kultur darstellt!! Glücklicherweise habe ich das Essen bist jetzt immer gut vertragen. Ich habe ja schon mit dem Schimmsten gerechnet. Die Tabletten gegen Durchfallerkrankungen aus Deutschland kamen nicht zum Einsatz. Es ist in dem Land schon sinnvol einen Bauernmangen zu haben wie ich. Trotzdem achte ich darauf, was ich esse. Eigentlich ist es hier günstigerauf der Strasse zu essen als zu Hause. An jeder Ecke, wirklich an jeder Ecken werden hier irgend welche Köstlichkeiten zu geringen Preisen verkauft. Wenn man durch die Strassen geht sieht man nur essende Menschen. Man hat das Gefuehl, dass sie nicht ohne “Comida Corrida”, so die mexikanische Antwort auf Fastfood, leben können. Überall riecht es nach verbrantem Öl oder nach gekochtem oder gebratenem Fleisch - teilweise ziemlich eklig. Nun, da ich auf Arbeit zwei mal täglich typisch mexikanisch esse (das heißt Bohnen und Tortillas zu jeder Mahlzeit) nehme ich diesen Kostenaufwand auf mich und koche selbst an den Wochenedenen und an den Abenden für mich.
Schon in der resten Woche habe ich einige nette Leute kennengelernt und mitlerweile habe ich einen kleinen Freundeskreis aufgebaut, der aus Mexikanern, aber auch “ Internationalen" besteht. In Mexico Stadt gibt es von ICJA aus noch drei andere Deutsche, eine Schweizerin und eine Polin. Darum liegt es auch nahe, dass wir sehr viel Freizeit miteinander verbringen. Andrés ist wirklich ein guter Betreuer. Wir sehen ihn beinah jede Woche. Durch ihn haben wir auch andere Mexikaner kennengelernt. Da ich als einziger unabhängig wohne, treffen sich alle immer bei mir. Bisher habe ich jedes Wochenende “ Fiestas” veranstaltet. Es ist wirklich wunderbar Zeit mit so unterschiedlichen Leuten aus unterschiedlichen Ländern zu verbringen. Und jedes Wochenende stelle ich fest, dass immer weniger Deutsch bzw. Englisch gesprochen wird.
Zum Schluss möchte ich noch einige Sätze über meine Arbeit ergänzen.
Ich arbeite in einer großen und dem Anschein nach wohlhabenden privaten Organisation “Fundación Pro Niños de la Calle”. Das wir keine staatliche Einrichung sind, erkennt man schon anhand des schönen Gebädes. Innen wie außen ist das Haus in einem tollen Zustand und ist wunderbar ausgestattet. Ich glaube, dass viele soziale Einrichtungen in Deutschland solche Austattung nur wünschen können. Die Organisation ist in drei Bereiche aufgeteilt. “ Calle” - Strasse, “Centro de día”- Tageszentrum und “ Opción de vida” - Lebensoption. Diese drei arbeiten zusammen und ermöglichen den Straßenkindern eine reibungslose Betreung während des langwiedrigen Prozesses. Die Streetworker suchen Straßenkinder auf, spielen mit ihnen, fragen sie aus und laden sie ins Tageszentrum ein. Hier werden die Kinder und Jugendlichen ein wenig "geschult" und "gesellschaftstauglich" gemacht. Opción de vida zeigt den Jugendlichen, die von der Straße wegkommen wollen, ihre Möglichkeiten und fungiert als Vermittler in andere Institutionen.
Zur Zeit arbeite ich im Tageszentrum. Ein gewöhnlicher Tag für mich sieht wie folgt aus: 7:40 Uhr aufstehen, etwas kleines essen, duschen, fertigmachen. 8:30 Mü ll mitnehmen und Kleingeld für den Müllmann raussuchen und zur U-Bahn losgehen - auf dem Weg Müll abgeben. Um 9 beginnt meine Arbeit. Die Jugendlichen kommen an, suchen sich ihre Kleider, duschen sich, danach ist anderweitige Körberpflege angesagt und zum Schluss waschen sie ihre getragene Kleidung.
All diese “Stationen” werden von Freiwilligen nach Tagesplänen betreut. Zur Zeit arbeiten im Tageszentrum neben zwei Erziehern ca. 10 Freiwillige (neben mir 2 andere Deutsche, eine Marokanerin und einige Mexikanerinnen). Gegen halb elf gibt es Fruehstueck. Ab 11:30 Uhr bis 12:30Uhr ist Bewegung angesagt. Meistens spielen wir Fußball, Basketball oder eine der amerikanischen Sportarten. Ab 13 Uhr folgt eine Arbeitsphase. Meistens wird etwas gebastelt oder auch ein bestimmtes Thema behandelt (mithilfe von Filmen, Spiel etc.) Nach dem Mittagessen um 15 bis 16 Uhr rundet man den Tag mit einer Reflexion ab, die durch Geschichten oder Spiele eingeleitet wird.
Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass in der Fundación sehr proffessionell gearbeitet wird. Im Gegensatz zu meinen Befürchtungen gibt es auf meiner Arbeit viel Struktur, Regeln und Ordnung. Neben den morgendlichen Aufgaben, helfe ich den Erziehern, bereite Sachen und Aktivitäten vor, spiele mit den Jugendlichen etc.
Zur Zeit besuchen täglich nur 6 bis 10 Jugendliche das Tageszentrum. Dadurch ist alles sehr übersichtlich und nur selten stressing. Die Kollegen sind ganz nett, mit einigen habe ich sogar ein freundschaftliches Verhächltnis. Die Jugendlichen sind in der Regel auch nett. Jedoch gibt es auch solche Tage, die mich an meine Grenzen stoßen lassen. Ich empfinde meine Arbeit als relativ einfach, bin jedoch auf keinen Fall unterfordert. Morgen fahre ich mit einigen Freunden nach Guanajuato zu einem Kulturfestival namens “Cervantino”. Ich bin schon ganz gespannt. Ich werde euch natürlich darüber berichten.
Ich sende euch allen herzlichste Grüße aus der tagsüber warmen Mexiko-Stadt.
Viktor